GPM Gesellschaft für Psychologische Morphologie e.V.
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Psychologische Morphologie

„Gestaltung, Umgestaltung, - des ewgen Sinnes ewge Unterhaltung.“

Johann Wolfgang von Goethe, Faust 2, 1. Akt

Psychologische Morphologie ist eine Wissenschaft in Entwicklung - ein Konzept in dessen Mittelpunkt die Metamorphosen seelischer Gestalten stehen. Es ist das ewig-gleiche Grundproblem: Wie können wir in einer sich wandelnden Welt unserem Wirken eine Lebensform geben – ein gelebtes Bild herausgestalten? Die Unruhe der seelischen Wirklichkeit sucht Gestalt zu werden und zugleich in Verwandlung zu geraten. Die sich daraus ergebende Dramatik ist der „Sinn des Lebens“.

Statt von Einzelheiten wie Reizen, Kognitionen oder Gefühlen auszugehen, nimmt die psychologische Morphologie Wirkungseinheiten zum Ausgangspunkt, deren Muster über einige Zeit hinweg Zusammenhang entwickeln. Dabei interessiert vor allem, in welchen Kategorien sich solche seelischen Gebilde selber verstehen und zu behandeln versuchen.

Die psychologische Morphologie sieht das Seelenleben als eine fließende Wirklichkeit, in der ein unbewusster Betrieb tätig ist. In ihren Untersuchungen arbeitet sie heraus, wie dieser Betrieb von Fall zu Fall funktioniert. Dabei setzt sie darauf, dass der Alltag etwas mit „bewegten“ Bildern, oder mit Kunst zu tun hat.

Das beinhaltet auch, dass die psychologische Morphologie ihren Spaß am Seelischen und ihre Sinn für die Poesie seiner sich oft paradox gebärdenden Wirklichkeit behält, wenn sie Wissenschaft betreibt. Der folgende Originaltext von Professor Wilhelm Salber mag hiervon einen Eindruck geben und zum Weiterlesen anregen:

„In der Lebenswelt geht es rund; Seelisches wird durch den Fluß der Wirklichkeit heftig bewegt. Freundliches und Feindliches, Unruhe und Widerstände drehen sich ineinander, mal anregend, mal bedrohlich. Zugleich wirkt aber auch eine Sehnsucht nach Ordnung, Gestaltung, nach Beständigkeit und Konsequenz in diesem Wirrwarr. Die Psychologische Morphologie sucht das ganze zu verstehen, psychologisch zu befragen, überschaubar zu machen und nachzubilden (Entwickeln-Können).“

Wilhelm Salber: Ordnungen im Wirrwarr

Die Phänomene selbst sind die Metaphysik des Seelischen

Als „bewegliche Ordnung“ für eine Übersicht (Rekonstruktion) greift diese Psychologie Goethes Konzept einer „Morphologie“ auf. Die Phänomene und ihre Gestalten (Morphe) sind die Lehre, und diese Lehre ist „Verwandlungslehre“. Durch eine Psychologische Morphologie wird das weiterentwickelt hin auf die eigenständigen Kategorien seelischen Existierens. (Grundvoraussetzung für die Psychologische Morphologie ist einmal die Beschreibung dessen, was sich im Verhalten und Erleben sinnlich und anschaulich zeigt. Beim Kochen, am Stammtisch, beim Verführen, beim Träumen, und beim Einkaufen. Zum anderen gehört dazu, daß sie fragt, wodurch sich eine wissenschaftliche Psychologie rechtfertigt – welche Gründe und Kategorien ihr Vorgehen bestimmen. Das machen sich nämlich die meisten Psychologen überhaupt nicht klar.)

Gestalt macht Ordnung und Zusammenhang

Die Psychologische Morphologie erzählt, wie Seelisches hervorgeht aus der Unruhe der Wirklichkeit und wie Unfaßbares dabei seinen Ausdruck sucht, indem sich bedeutsame Gestalten bilden. Auf diese Weise bildet sich ein „System“ oder ein „Werk“ aus, in dem das Seelische sich und seine Verwandlungen zu verstehen, zu fassen, zu modellieren und zu entwickeln lernt. Die gestalthaften Zusammenhänge dabei hat bereits Ovid in seinen „Metamorphosen“ ins Bild gerückt.

Gestalt und Verwandlung als Spannungsfeld seelischer Produktion

Auf die Werke der Verwandlung und deren Dramatik der Ausdrucksbildung in Gestalten läuft psychologisch alles hinaus. Gegenüber den selbstverständlich gewordenen Klischees, in denen über das Seelische geredet wird, wird es hier seltsam „unvernünftig“ und paradox: Zugleich eine Gestalt halten, die sich zeigen kann, und in eine Verwandlung geraten, das ist ein Grundproblem des seelischen Lebens. Wie das Gesicht wahren und zugleich demonstrieren, daß „alles geht“? Das Unmögliche treibt uns an. Zur inhaltlichen und methodischen Leitlinie der Psychologischen Morphologie wird es daher, das Spannungsfeld zwischen Gestalt und Verwandlung aufzudecken. Welche Zusammenhänge werden hier möglich, welche Übergänge und Entwicklungen kommen ins Spiel, wie können sich bewußte und unbewußte Prozesse als Gestalten ineinander wandeln. Wie weit kann Gestalt in Verwandlung übergehen, ohne sich aufzulösen; wie weit kann Zerstörung neue Formen der Verwandlung hervorbringen.

Gestalten brechen einander in Wirkungs-Einheiten – nichts existiert isoliert

Hier stößt die Morphologie auf paradoxe „Untrennbarkeiten“ von Gestaltung und Umgestaltung, von Werden und Vergehen. Gestalten und Verwandlungen wirken nur in solchen Drehungen, Gestaltbrechungen oder Zwei-Einheiten. Die seelischen Werke und Wirkungseinheiten werden dadurch reguliert, daß Gestalten notwendig anderes brauchen und weiterentwickeln, daß Gestalt sich nur erhält indem sie sich verrücken und verwandeln muß. Nichts im Seelischen existiert „rein“, „an sich“, als isolierter Teil. Diese Zwei-Einheit überall ist die Eigenart des Seelischen selbst.

Seelische Werke werden durch Hexagramme orchestriert

Indem das Seelische sich im Werden erst zu einem besonderen “Etwas“ macht, gewinnt es seinen Boden, seine Selbsterfahrung und seine Produktionsbereitschaft als Aneignen, Einwirken, Anordnen, Ausbreiten, Ausrüsten und Umbilden. Das formt sich in der Gestalt eines Hexagramms aus, das allen Kulturen vertraut ist. Wie ein Orchester erweitern, entfalten und ergänzen sich die sechs Bedingungen dieser Figuration zu Lebensbildern und Wirkungskreisen. Weil sie ebenfalls als Zwei-Einheiten wirken, kommen immer auch universale Lebensverhältnisse (fest und beweglich, vereinigen und vervielfältigen u. ä.) ins Werk.

Menschen sind behinderte Kunstwerke

In diesen Kategorien regulieren sich die Gestalten seelischer Werke nach eigenen Beschaffenheiten und Gesetzen. Sie können sich in einer dramatischen Krise zuspitzen, wenn ständig die gleichen Gestalten wiederholt und verkehrt gehalten werden – dem gegenüber wirkt die Weiterbewegung von Gestalt und Verwandlung nach Art eines Kunstwerks. Vereinfacht kann man gegenüberstellen die Entwicklung einer Neurose (Verkehrt-Halten) und die Entwicklung eines Kunstwerks. Der Mensch ist ein behindertes Kunstwerk. Auch die von Freud entdeckten Umverwandlungen seelischer Prozesse unter bestimmten Existenzzwängen, das unbewußt Machen, lassen sich aus diesem Gestaltkonzept ableiten.

Alle Einzelheiten sind Ausdrucksbildungen von Gestaltverwandlungen

Die Psychologische Morphologie rekonstruiert in einem offenen System das Getriebe von Gestalt und Verwandlung; sie kann daher psychologische Fragen und methodisches Vorgehen konsequent und bis ins Einzelne aus dem Ganzen des Seelenbetriebs ableiten – warum Konsumprodukte etwas bringen, warum Filme wirken, warum sich Menschen in Vereinen zusammentun, worin Unternehmungen ihre Seelenkonflikte haben.

Märchen bringen paradoxe Seelenbilder in Bewegung

Auf einen Blick rücken die Märchen, die ersten und ältesten Kunstwerke menschlicher Kulturen, die Spannweite von Gestalt und Verwandlung in typische Bilder. Sie zeigen die Dramatik paradoxer seelischer Drehungen und Wendungen auf, das Wonneleid, das Tragikkomische, die Besessenheiten, aus denen Kultivierungsprozesse hervorgehen. Das zeigt deutlich, daß es eine eigene seelische Logik gibt, aus der dramatische Entwicklungen hervorgehen, die dem Seelischen zum Lebensinhalt werden. In der Bild-Logik der Märchen wird die psychästhetische Logik des Seelischen überhaupt herausgerückt. Die Märchen sind die psychästhetischen Regulationen des Seelischen. Der Alltag ist traumhaft und märchenhaft.

Kulturmorphologie als Geschichts-Werk

In den Märchen finden auch die Kulturen der Menschheit ihren gestalthaften Zusammenhang. Morphologie ist immer Kultur-Morphologie; in den Kulturen werden märchenhafte Seelenrevolutionen“ vorangetragen – wiederum paradox immer nur in konkreten geschichtlichen Ausprägungen.

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Version vom 26.07.2011 um 21:44:47